Wenn Unmögliches möglich wird

Ich lag 5:0 zurück. Noch ein Treffer meiner Gegnerin oder ein kleines Voranschreiten der Zeit und ich hätte verloren. Ich sah in das enttäuschte Gesicht meines Trainers. Die anderen aus meiner Mannschaft, die mit mir zu diesem Wettkampf angereist waren, hatten sich längst abgewendet von der Kampffläche und unterhielten sich. Sie hatten mich abgeschrieben.

Als ich das erste Mal um die Deutsche Meisterschaft im Karate kämpfte, hatte ich nicht damit gerechnet ins Finale zu kommen. Eigentlich war ich noch zu jung, um bei den Junioren zu starten. Doch mein Trainer hatte mir eine Sondergenehmigung besorgt, mit der ich dennoch antreten durfte. Meine Kondition war schlecht und all die Kämpfe, die mich bis hierher ins Finale geführt hatten, hatten an meinen Kräften gezehrt. Was nun. Aufgeben? Wozu mich noch anstrengen, wenn doch eh alles bereits verloren war? Plötzlich nahm ich in mir eine Veränderung wahr. In mir öffnete sich wie ein klitzekleines Türchen die Möglichkeit, dass ich ja vielleicht doch noch gewinnen könnte. Verloren hätte ich nur, wenn ich es gar nicht erst versuchte.

Was dann geschah, kann ich heute nicht mehr im Detail rekonstruieren. Ich erinnere nur, wie ich in mir einen enormen Fokus zusammennahm, der allein auf eines ausgerichtet war: das Unmögliche möglich zu machen und mir selbst eine Chance zu geben, auch wenn keiner mehr an mich glaubte und ich selbst zugegebenermaßen auch nicht. Am Ende gewann ich meine ersten Deutschen Meisterschaften mit 6:5.

Das liegt jetzt viele Jahre zurück und doch hatten mich diese wenigen Minuten und Sekunden etwas Wesentliches gelehrt: Mich selbst und die Möglichkeit des Unmöglichen nicht aufzugeben. Tatsächlich war ich manche Male später im Leben kurz davor das Handtuch zu werfen. Wenn ich scheiterte mit etwas, das mir am Herzen lag. Wenn ich meinte, einen großen Fehler gemacht zu haben. Und wenn ich kämpfte und irgendwann nicht mehr wusste für was. Ganze Schlachten hatte ich geschlagen, bis ich eines Tages müde und erschöpft daraus aufwachte und erkannte: Das ist gar nicht mein Krieg.

Wofür lohnt es sich wirklich zu kämpfen? Und wann ist Auf- oder besser Hingabe der einzige Weg, der zum Sieg führt? Dies sind zwei Seiten derselben Medaille: Es braucht Demut, um über sich selbst hinaus zu wachsen und Mut, um seine Waffen niederzulegen. Was hat das mit Yoga zu tun? Für mich sehr viel. Denn zwischen diesen beiden Polen spielt sich das ganze Dasein ab.

Yoga lehrt wie Unmögliches möglich wird und wie wir dabei wach bleiben, unseren Standpunkt, unsere Ausrichtung und unser Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Es lehrt Entscheidungen zu treffen und sie zu revidieren, wenn wir uns geirrt haben oder sich die Bedingungen ändern. Zu atmen, zu fühlen und zu lieben. Das was ist, uns selbst und dieses wilde Leben.

Ich liebe Geschichten. Vor allem jene, die das Leben schreibt über Menschen, die sich aufmachen zu sich selbst. Jede Übungsreihe im Kundalini Yoga ist für mich eine solche Erzählung. Eine in sich abgeschlossene Episode, die von dir berichtet. Wenn du teilnimmst und eintauchst, wirst du zur Heldin, zum Helden dieses Abenteuers. Was geschieht, mit welchen Herausforderungen und Wendungen dich die Übungsreihe konfrontieren wird, kannst du nicht ändern. So ist es im Yoga wie im Leben. Doch wie du all dem und vor allem dir selbst dabei begegnest, macht allen Unterschied.